Digital First – Teilhabe immer

Medienbildung als Bestandteil digitaler Daseinsvorsorge

Stellungnahme des Landesfachverbandes Medienbildung Brandenburg e. V. zur Strategie „Digitales Brandenburg: Bereit für die Zukunft“

Der Landesfachverband Medienbildung Brandenburg e. V. (lmb) begrüßt die Neuausrichtung der Digitalstrategie des Landes Brandenburg und insbesondere den Anspruch, Digitalisierung konsequent am Nutzen für die Menschen auszurichten. Die Strategie erkennt zu Recht an, dass Digitalisierung nicht allein eine technische oder administrative Modernisierungsaufgabe ist, sondern wesentliche Auswirkungen auf gesellschaftliche Teilhabe, Bildung und Demokratie hat.

Besonders begrüßen wir daher den strategischen Schwerpunkt „Digitale Gesellschaft und Teilhabe“. Der Entwurf formuliert das Ziel, dass alle Menschen unabhängig von Wohnort, Alter, Geschlecht, Bildungsstand oder Lebenssituation am digitalen Fortschritt teilhaben können. Ebenso positiv bewerten wir das Ziel, Zugang zu schulischen und außerschulischen Bildungsangeboten zur Stärkung grundlegender digitaler Kompetenzen zu schaffen. Aus Sicht des lmb sollte dieser Ansatz jedoch konsequenter als Querschnittsaufgabe der gesamten Digitalstrategie verankert werden. Denn digitale Infrastruktur schafft noch keine digitale Teilhabe. Die Bereitstellung eines digitalen Dienstes bedeutet nicht automatisch, dass Menschen diesen verstehen, ihm vertrauen und ihn selbstbestimmt nutzen können.

Medienkompetenz als Voraussetzung erfolgreicher Digitalisierung

Je stärker Verwaltung, Bildung, gesellschaftliche Kommunikation, politische Beteiligung und öffentliche Dienstleistungen digitalisiert werden, desto wichtiger wird Medienkompetenz. Sie ist eine zentrale Voraussetzung dafür, dass die geplanten Investitionen und digitalen Angebote tatsächlich bei den Menschen ankommen. Medienkompetenz umfasst dabei deutlich mehr als technische Bedienkompetenz. Menschen müssen Informationen und Quellen bewerten, Desinformation erkennen, persönliche Daten schützen, algorithmische Systeme und Künstliche Intelligenz zumindest grundlegend verstehen sowie Chancen und Risiken digitaler Kommunikationsräume einschätzen können. Ebenso geht es um kreative Mediennutzung, gesellschaftliche Beteiligung und die Fähigkeit, digitale Räume selbstbestimmt mitzugestalten. Diese Kompetenz lässt sich in vier Dimensionen fassen: die kritische Reflexion und Bewertung von Medieninhalten, das Wissen über Mediensysteme und ihre Funktionsweise, die Fähigkeit zur aktiven und selbstbestimmten Nutzung digitaler Medien sowie die kreative, mitgestaltende Beteiligung an digitalen Räumen.

Medienbildung bedeutet dabei auch, Menschen zu befähigen, eigenständige Entscheidungen zu treffen. Gerade im Umgang mit Künstlicher Intelligenz kommt es darauf an, Menschen zu befähigen, Entscheidungsprozesse zu überschauen und nachzuvollziehen. Dabei muss zwischen zwei Anwendungsbereichen unterschieden werden: der Nutzung von KI zur schnelleren und gewissenhafteren Durchführung von Prozessen einerseits und dem Schutz der Psyche andererseits. Algorithmisch gesteuerte Beratungsprozesse müssen daher immer als solche kenntlich gemacht werden. Diese Unterscheidung sollte im Zentrum des medienbildnerischen Ansatzes der Digitalstrategie stehen. Der Strategieentwurf greift diese Dimension erfreulicherweise auf und stellt unter anderem einen Zusammenhang zwischen digitaler Bildung, Demokratiebildung und Kinderschutz her. Er benennt Desinformation, Echokammern, Radikalisierung und Cyberkriminalität als Herausforderungen. Diese Analyse sollte jedoch stärker in konkrete Maßnahmen übersetzt werden.

Der lmb empfiehlt deshalb, Medienbildung als eigenständiges und dauerhaft zu finanzierendes Handlungsfeld in der Umsetzungsplanung zu verankern. Während zahlreiche technische und administrative Hebelvorhaben mit konkreten Meilensteinen und Zieldaten versehen sind, bleibt der Aufbau flächendeckender Medienbildungs- und Unterstützungsstrukturen bislang deutlich weniger konkret. Der vorliegende Umsetzungsplan nennt beispielsweise „DigitalFit für Seniorenbeiräte“, den Digitalpakt 2.0 und verschiedene schulische Angebote, enthält jedoch kein vergleichbares landesweites Hebelvorhaben für außerschulische Medienbildung über unterschiedliche Alters- und Zielgruppen hinweg. Eine Fachstelle für Medienbildung berät auf Anfrage Institutionen und entwickelt zeitgemäße, an die jeweiligen Anforderungen angepasste Arbeitsmaterialien. Mit einer festen Ansprechperson steht sie den Institutionen dauerhaft zur Verfügung.

Hier sollte die bestehende medienpädagogische Infrastruktur Brandenburgs systematisch einbezogen und gestärkt werden. Schulen allein können diese gesamtgesellschaftliche Aufgabe nicht übernehmen. Jugendhilfe, Jugendarbeit, Erwachsenenbildung, Bibliotheken, Familienbildung und andere zivilgesellschaftliche Bildungsorte müssen Teil einer landesweiten Strategie zum Erwerb von Medienkompetenz sein.

Die Strategie Digitales Brandenburg formuliert zu Recht den Anspruch, Schülerinnen und Schülern zentrale Fähigkeiten für den Arbeitsmarkt der Zukunft zu vermitteln. Als lmb betonen wir, dass dies ein ganzheitliches Verständnis von Medienbildung voraussetzt. Die im Umsetzungsplan vorgesehenen Werkzeuge, wie die Plattform zur beruflichen Orientierung und die „Berufswahlapp“, dürfen nicht isoliert stehen. Sie erfordern eine konsequente medienpädagogische Begleitung in der schulischen und der außerschulischen Jugendbildung. Eine erfolgreiche Berufslaufbahn setzt heute voraus, digitale Räume und Werkzeuge – insbesondere KI-gestützte Systeme – kritisch bewerten zu können. Vorzeigeprojekte wie die „LausitzLabs“, die MINT-orientierte Zukunftskompetenzen und berufliche Orientierung verzahnen, müssen als Blaupause dienen und perspektivisch flächendeckend der Bevölkerung im gesamten Land zugänglich gemacht werden. Der lmb plädiert auch deshalb dafür, dass Mittel des Digitalpakts 2.0 strikt an die Bedingung geknüpft werden, medienpädagogische Konzepte und Kooperationen mit außerschulischen Partner:innen zur Berufsvorbereitung an den Schulen zu etablieren.

Digitale Resilienz und Gesundheitsschutz im Schulalltag

Der geplante Ausbau der schulischen IT-Infrastruktur sowie die Einführung datengestützter Dashboards und digitaler Zeugnisse werden die Bildschirmzeiten von Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften signifikant erhöhen. Der lmb fordert daher, dassin der Strategie verankerte Ziel des Kinderschutzes im digitalen Raum um den Aspekt der physischen und psychischen Gesundheitsprävention zu erweitern. Der Medieneinsatz in der schulischen und außerschulischen Bildung muss verbindliche Vorgaben zur Vermeidung von digitalem Stress und Mediensucht beinhalten, um die psychische Gesundheit der Heranwachsenden zu schützen. Bei der Ausstattung von Bildungsorten müssen ergonomische Standards berücksichtigt werden, um Haltungsschäden und visueller Überlastung durch Dauerbildschirmnutzung vorzubeugen.

Der lmb fordert die Entwicklung und Erprobung didaktischer Konzepte, die einen bewussten Wechsel zwischen digitalen und analogen Lernphasen (Digital Detox) beinhalten, um kognitive Überreizung zu vermeiden und vielseitige Kompetenzausbildung bedeuten. Die in der Strategie erwähnten Herausforderungen durch Desinformation, Cyberkriminalität und Radikalisierung erfordern die stete Begleitung, Schulung und Beteiligung von Lehrenden und Sozialarbeitenden an Lern- und Bildungsorten. Sie sollen gefördert und befähigt werden, Resilienz bei Menschen allen und unterschiedlichen Alters zu fördern und Überlastungssymptome frühzeitig zu erkennen.

Digitale Teilhabe muss inklusive Teilhabe sein

Besonders kritisch sehen wir in diesem Zusammenhang das im Strategieentwurf formulierte Prinzip „Digital Only“. Danach sollen Verwaltungsleistungen ausschließlich digital angeboten und abgewickelt werden, während vor Ort, telefonisch und digital Hilfs- und Unterstützungsangebote bereitstehen sollen. Dass die Strategie Unterstützungsangebote ausdrücklich vorsieht, ist wichtig. Dennoch darf „Digital Only“ nicht dazu führen, dass aus einer Vereinfachung für viele Menschen eine neue Zugangsbarriere für andere entsteht. Barrierefreiheit sollte deshalb nicht lediglich als technische Konformität verstanden werden. Notwendig ist ein umfassendes Konzept digitaler Inklusion. Dazu gehören verständliche Sprache, übersichtliche und reizarme Benutzeroberflächen, unterschiedliche Kommunikationswege, assistive Technologien, mobile Nutzbarkeit und vor allem erreichbare Menschen, die bei Bedarf unterstützen können.

Der lmb empfiehlt daher, das Prinzip „Digital Only“ durch den verbindlichen Grundsatz „Digital First – Teilhabe immer“ zu ersetzen oder zumindest entsprechend zu konkretisieren. Digitale Angebote sollen zum Regelfall werden, ohne dass Menschen aufgrund ihrer persönlichen Voraussetzungen faktisch vom Zugang zu staatlichen
Leistungen ausgeschlossen werden.

Medienbildung als Teil digitaler Daseinsvorsorge

Der lmb regt darüber hinaus an, Medienbildung ausdrücklich als Bestandteil der digitalen öffentlichen Daseinsvorsorge zu verstehen. Gerade in einem Flächenland wie Brandenburg müssen Möglichkeiten zum Erwerb digitaler und medialer Kompetenzen wohnortnah verfügbar sein. Digitale Teilhabe darf nicht von Wohnort, Einkommen oder familiären Ressourcen abhängig sein. Leistungen ausgeschlossen werden.

Vor diesem Hintergrund weisen wir ausdrücklich darauf hin, dass die etwaige Beendigung der erst dieses Jahr geschaffenen „Fachstelle Medienbildung Brandenburg“ beim lmb e.V. nach dem BbgKJG bei den enormen Herausforderungen der Digitalisierung für die Gesellschaft ein fataler Schritt in die falsche Richtung und ein sehr schlechtes Signal ist.

Fazit

Die neue Digitalstrategie bietet die Chance, Digitalisierung in Brandenburg nicht nur als Modernisierung staatlicher Strukturen, sondern als gesellschaftliches Gestaltungsprojekt zu verstehen. Dafür sollte das Land den bereits im Entwurf formulierten Anspruch, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, konsequent zu Ende denken. Digitale Transformation braucht neben leistungsfähiger Infrastruktur und guten digitalen Diensten eine dritte, gleichberechtigte Säule: die Befähigung der Menschen. Der Landesfachverband Medienbildung Brandenburg e. V. empfiehlt daher, Medienbildung und Medienkompetenz stärker in der Umsetzungsplanung zu verankern, flächendeckende außerschulische Strukturen zu stärken, Inklusion und Barrierefreiheit als verbindliche Kriterien jedes Digitalvorhabens festzuschreiben und beim Ausbau digitaler Verwaltungsleistungen dauerhaft niedrigschwellige Unterstützungs- und Zugangswege vorzuhalten.

26. August 2026