
14. Netzwerktagung 12. November 2025
Heimat – analog und digital. Zwischen Zuhause und Social Media
Multiperspektivischer Blick auf Online-Radikalisierung und Handlungsperspektiven
Am 12. November 2025 lud der Landesfachverband Medienbildung Brandenburg e.V. gemeinsam mit seinen Partner*innen zur 14. Netzwerktagung ins Medieninnovationszentrum Babelsberg ein, die in Kooperation mit dem Ministerium für Bildung, Jugend und Sport (MBJS) und der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) als Teil des Programms „Medienkompetenz stärkt Brandenburg“ durchgeführt wurde. Unter dem Titel „Macht(los) im Internet – Radikalisierung und Gewalt im Netz“ wurde ein vielschichtiges Programm angeboten, das sich mit den aktuellen Herausforderungen digitaler Radikalisierung, toxischer Männlichkeit und Gewalt im Netz auseinandersetzte. Die Tagung richtete sich an pädagogische Fachkräfte, Jugendsozialarbeiter*innen, Medienpädagog*innen sowie Vertreter*innen aus Politik und Verwaltung und bot die Gelegenheit, sich intensiv mit Präventions- und Interventionsansätzen zu befassen.
Die hohe Nachfrage – erstmals musste eine Warteliste eingerichtet werden – zeigte die Dringlichkeit und Relevanz des Themas. Nach 14 Jahren Netzwerktagung markierte die Veranstaltung gleichzeitig einen Neuanfang: Mit neuen Partnerschaften, frischer personeller Struktur und einem thematischen Fokus auf ein gesellschaftlich brennendes Thema gelang es, die Tradition der Vernetzung und des fachlichen Austauschs erfolgreich fortzusetzen.
Keynote: Von Küchen und Medienkompetenz
Den inhaltlichen Auftakt bildete Charlotte Lohmann, Bildungsreferentin für Medienkompetenz bei der Amadeu Antonio Stiftung. In ihrer Keynote beleuchtete sie die verschiedenen Facetten digitaler Hassphänomene und stellte Handlungsstrategien gegen Hate Speech und Desinformation vor. Im Zentrum stand dabei das Konzept einer demokratischen Medienkompetenz als wirksame Antwort auf die zunehmende Demokratiefeindlichkeit im digitalen Raum.
Lohmann machte deutlich, dass digitale Radikalisierung kein isoliertes Phänomen ist, sondern in gesellschaftliche Entwicklungen eingebettet werden muss. Besonders die Verbreitung antifeministischer und rechtsextremer Inhalte über Social-Media-Plattformen erreiche gezielt junge Menschen und beeinflusse deren Weltbilder nachhaltig. Sie betonte die Notwendigkeit präventiver Bildungsarbeit, die nicht nur technische Medienkompetenz vermittelt, sondern auch zur kritischen Reflexion von Machtstrukturen und Ungleichheiten befähigt.
Paneldiskussion: Adolescence revisited – Zwischen Manosphere und toxischer Männlichkeit
Die anschließende Paneldiskussion, moderiert von Kristin Langen, widmete sich dem hochaktuellen Thema „Adolescence revisited – Influencer*innen zwischen Manosphere, toxischer Männlichkeit und Frauenhass“. Die Diskussion bot verschiedene Perspektiven aus Wissenschaft, politischer Bildung und Jugendschutz.
Zu den Podiumsgästen zählten:
Prof. Dr. Ahmet Toprak, Professor für Erziehungswissenschaften an der FH Dortmund, brachte wissenschaftliche Expertise in die Diskussion ein. Er analysierte die Anziehungskraft maskulinistischer Influencer auf junge Männer und erklärte, wie diese systematisch Unsicherheiten und Krisenerfahrungen junger Menschen instrumentalisieren. Toprak betonte, dass viele Jungen sich in einer Identitätskrise befänden und nach Orientierung suchten – eine Lücke, die problematische Akteure gezielt ausfüllten. Er plädierte für einen differenzierten Blick: Nicht jeder Junge, der sich Andrew Tate-Videos anschaue, sei automatisch verloren. Vielmehr gehe es darum, authentische Beziehungsarbeit zu leisten, Widersprüche gemeinsam auszuhalten und jungen Menschen zu vermitteln, dass Komplexität zur Demokratie gehört.
Maximilian Schneider, Referent für politische Bildung bei Gesicht Zeigen! e.V., berichtete aus der praktischen Arbeit mit Jugendlichen. Er schilderte eindrücklich, wie toxische Männlichkeitsbilder in Schulklassen präsent sind und wie Schüler sich gegenseitig in problematischen Rollenbildern bestärken. Schneider machte deutlich, dass die Diskrepanz zwischen der fortgeschrittenen feministischen Bildung vieler Mädchen und dem Entwicklungsstand vieler Jungen enorm sei – „die Mädchen sind sehr weit in feministischen Themen, während die Jungs gefühlt noch bei 1990 stehen“. Er forderte eine kommunikative Strategie, die junge Männer einbindet, statt sie durch polarisierende Sprache weiter zu entfremden. Gleichzeitig warnte er davor, den feministischen Anspruch aufzugeben: „Feminismus ist eigentlich kein Angriff auf Männer, sondern ein Angebot – wir reichen Männern die Hand, um ihnen zu vermitteln, ihr müsst nicht toxische Männlichkeit leben, ihr dürft Männlichkeit auf ganz andere Arten und Weisen leben.“
Isabel Binzer, Fachreferentin für Politischen Extremismus bei jugendschutz.net, fokussierte auf die Mechanismen digitaler Radikalisierung und die Rolle von Algorithmen. Sie erläuterte, wie Plattformen durch ihre Empfehlungslogik zur Verbreitung extremistischer Inhalte beitragen und wie junge Menschen in sogenannte „Rabbit Holes“ geraten können. Binzer betonte die Notwendigkeit, Feminismus als Grundhaltung selbstverständlicher in der pädagogischen Arbeit zu vermitteln und nicht reaktionären Akteuren die Deutungshoheit zu überlassen. Sie warnte vor der Verharmlosung: Wenn Jugendliche Sätze äußern wie „noch eine Lüge und dann steche ich sie ab“, müsse dies ernst genommen werden. Gleichzeitig gab sie zu bedenken, dass Content-Moderation und algorithmische Regulierung zwar wichtig seien, aber die Plattformen bisher zu wenig Verantwortung übernähmen.
Die Diskussion offenbarte zentrale Herausforderungen: das Spannungsfeld zwischen Anerkennung der Bedürfnisse junger Männer und klarer Positionierung gegen toxische Inhalte, die Notwendigkeit authentischer Beziehungsarbeit in Zeiten knapper Ressourcen sowie die Frage, wie pädagogische Fachkräfte selbst mit der Komplexität und teilweise mit eigener Überforderung umgehen können. Ein wiederkehrendes Thema war die Bedeutung von Räumen – sowohl digital als auch analog – in denen Dialog möglich ist und wo Jugendliche sich ohne Angst vor Bewertung austauschen können.
Floating Spaces und Markt der Möglichkeiten: Projekte aus der Praxis
Nach der Paneldiskussion hatten die Teilnehmer*innen die Möglichkeit, im Rahmen der Floating Spaces und des Marktes der Möglichkeiten verschiedene Projekte aus Brandenburg und Berlin kennenzulernen, die sich mit Prävention, Medienkompetenz und demokratischer Bildung befassen.
Verleihung der Förder- und Anerkennungspreise
Ein weiterer Höhepunkt der Tagung war die Verleihung der Förder- und Anerkennungspreise für das Jahr 2025 durch die mabb. Mit diesen Preisen werden Projekte und Initiativen ausgezeichnet, die sich in besonderer Weise für Medienkompetenz in Brandenburg einsetzen und innovative Ansätze in der medienpädagogischen Arbeit entwickeln.
Die Netzwerktagung ist eine Veranstaltung der Landesinitiative: Medienkompetenz stärkt Brandenburg. Das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg (MBJS) und die Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) sind Kooperationspartner der Initiative.
Ihre Ansprechpartner
Dr. Florian Kerkau
- Tel.: 0331-60 11 88 41
- Mobil: 01590 - 611 9 250
- Mail: kerkau@medienbildung-brandenburg.de












