15. Netzwerktagung 01. Oktober 2026

15. Netzwerktagung 01. Oktober 2026

„Es denkt nicht, es denkt nicht?“ – Der KI-Hype als Herausforderung in Bildungsprozessen 

Ein multiperspektivischer und organisch wirkender Blick auf KI 

Am 1. Oktober 2026 lud der Landesfachverband Medienbildung Brandenburg e. V. (lmb) gemeinsam mit seinen Partner*innen zur 15. Netzwerktagung ins Medieninnovationszentrum Babelsberg (MIZ) ein. Die Tagung fand in Kooperation mit dem Ministerium für Bildung, Jugend und Sport (MBJS) und der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) als Teil der Initiative „Medienkompetenz stärkt Brandenburg“ statt und war mit 110 Teilnehmer*innen vollständig ausgebucht.

Unter dem Motto „Es denkt nicht, es denkt nicht?!“ stand die Frage im Mittelpunkt, was eine kritische und verantwortungsbewusste Pädagogik im Umgang mit Künstlicher Intelligenz leisten kann und was nicht. Die Tagung wollte den KI-Hype hinterfragen, Risiken benennen und zugleich Raum zum Ausprobieren geben.

Durch den Tag führte Carina Schroeder, freie Journalistin und Host des Deutschlandfunk-Podcasts „KI verstehen“. Die Frage laute längst nicht mehr „KI ja oder nein“, sagte sie zu Beginn – interessanter sei, was passiert, wenn wir sie benutzen und ob wir dabei etwas gewinnen oder verlieren. In Bildung und Jugendarbeit gehe es nicht nur darum, ob etwas funktioniert, sondern darum, was es mit Menschen macht, was sie dabei lernen und wem sie vertrauen können. Ihr Wunsch für den Tag: „Wir müssen ja nicht wie die KI das wahrscheinlichste Outcome produzieren. Wir können auch anders rausgehen, als wir reingekommen sind.“

Grußworte: Eine Kränkung, die produktiv sein kann

Dr. Kristian Kunow, stellvertretender Direktor der mabb, begann mit einer Provokation: Alle im Raum seien gekränkt. In Anlehnung an Freud reihte er die KI in die großen Kränkungen der Menschheit ein, nach Kopernikus, Darwin und Freud selbst. Die KI sage gewissermaßen: „Auch Denken, Schreiben, Gestalten, Problemlösen ist nicht ausschließlich eure Domäne.“ Daraus ergebe sich keine technische, sondern eine Bildungsfrage. Es gehe weniger darum, was KI kann, als darum, was der Mensch noch können soll und können wollen soll. Den Wettbewerb, schneller zu rechnen oder zu schreiben als die Maschine, werde man verlieren. Entscheidend sei die Fähigkeit, Relevantes zu erkennen, zu urteilen und Verantwortung zu übernehmen. So gesehen könne die Kränkung produktiv sein, weil sie Bildung zu dem zwinge, was sie schon immer leisten sollte.

Dr. Florian Kerkau, Geschäftsführer des lmb, freute sich über das volle Haus und dankte mabb und MBJS für eine Zusammenarbeit, die nun im 15. Jahr besteht. Zum Tagungsthema verwies er auf den Hype-Zyklus nach Gartner: Auf überhöhte Erwartungen an eine neue Technologie folge in der Regel ein Tal der Enttäuschung. Die Wahrheit liege vermutlich dazwischen. Wer heute in die Grundschule gehe, habe wahrscheinlich schon einmal eine KI um Hilfe gebeten. Daraus ergebe sich der Auftrag, Potenziale zu heben und vor Gefahren zu schützen.

Keynote I: Alles mit KI (außer meins!)

Dr. Gabriel Yoran, Unternehmer und Autor des Essays „Die Verkrempelung der Welt“, näherte sich dem Thema von außen. Er sei kein Pädagoge, sondern schreibe über Produkte, die schlechter sind, als sie sein müssten. Ihn interessiere weniger, ob die Maschine denkt, als was wir denken, wenn wir ihr Aufgaben geben. Dazu teilte er zwei Beobachtungen.

Die erste Beobachtung: Viele räumen ein, dass KI in anderen Berufen Nützliches leistet, nur nicht im eigenen Kernbereich. Zwei Produktmanager hätten ihm begeistert erzählt, wie sie Software ganz ohne Entwickler*innen bauen lassen. Auf die Frage, warum die KI dann nicht auch das Produktmanagement übernehme, kam prompt die Antwort, das könne sie natürlich nicht. Diese Hemmung, so Yoran, verrate mehr über die Sprechenden als über die Eignung der KI.

Die zweite Beobachtung: Man übergibt der KI gern, was man nur hinter sich bringen will, etwa die Belege für die Steuererklärung. Anders sei es bei Problemen, die zu einem passen und in denen man sich aufhalten möchte, wie in einem Irrgarten, dessen Ausgang man selbst finden will. Daraus leitete er zwei Prüffragen ab: Schätze ich die Arbeit der Menschen gering, die ich gerade durch KI ersetze? Und will ich die Sache durchdringen oder nur erledigt haben?

Für Schule und Jugendarbeit folgerte Yoran, sei die Frage weniger, wie man die KI-Nutzung verhindert. Sie laute eher, wie man Aufgaben stellt, die junge Menschen als zu ihnen passende Probleme erleben. Seine Antwort war das Spiel: „Ein Kind, das eine Sandburg baut, will mit der Burg nicht möglichst schnell fertig werden.“ Wer jede Herausforderung wie einen Prompt behandle, tappe in eine Effizienzfalle. Das Spielen solle man sich nicht abnehmen lassen.

Keynote II: Chancen und Grenzen von KI in der Bildungsarbeit

Dr. Isabell Runge, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Digitale Bildung der Universität Potsdam, brachte die Forschungsperspektive ein. KI sei längst Teil der Bildungsrealität junger Menschen. Sie könne individuelles Lernen fördern, Teilhabe erweitern und pädagogische Arbeit unterstützen, doch jede dieser Chancen sei an ein „Wenn“ geknüpft. Potenzial bedeute nicht automatisch Wirkung.

Wie stark es auf das Wie ankommt, zeigte sie an einer Studie von Bastani und Kolleg*innen (2025) zum Mathematiklernen mit einem KI-Chatbot. Schüler*innen, die den Chatbot uneingeschränkt nutzen konnten, schnitten in der Abschlussprüfung ohne KI um 17 Prozent schlechter ab als die Kontrollgruppe mit Lehrbuch. Bei der Gruppe, deren Chatbot als Tutor nur Hinweise statt fertiger Lösungen gab, zeigte sich dieser Nachteil nicht.

Mit dem ISAR-Modell von Elisabeth Bauer und Kolleg*innen ordnete Runge ein, wie viel kognitive Aktivität bei den Lernenden bleibt: von der Inversion, bei der die KI die Lernhandlung übernimmt, über Substitution und Augmentation bis zur Redefinition. Lernförderlich werde KI dort, wo sie das eigene Denken unterstützt, statt es zu ersetzen.

Für die Praxis empfahl sie Aufgaben, bei denen Lernende zuerst eigene Ideen formulieren, KI-Antworten prüfen und verbessern, Erklärungen statt Lösungen einfordern und anschließend reflektieren, was sie selbst gelernt haben. Fachkräfte bräuchten neben eigenen KI-Kompetenzen vor allem pädagogische Urteilskraft und kontinuierliche, bedarfsorientierte Fortbildung. Fortbildung allein reiche aber nicht. Einrichtungen müssten Orientierung durch Leitlinien und Rechtssicherheit schaffen, Zeit und Ressourcen bereitstellen, Teams einbinden und einen gleichberechtigten Zugang sichern.

Paneldiskussion: Klüger, besser – und schneller?

Unter dem Titel „Klüger, schneller – und gefährlicher? KI zwischen Bildungsversprechen und pädagogischer Verantwortung“ diskutierten die beiden Keynote-Speaker*innen mit der Wissenschaftsjournalistin Friederike Walch und dem Lehrer und Bildungsforscher Florian Nuxoll.

Florian Nuxoll, Lehrer und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Tübingen, beschrieb sich als sehr digitalaffin und nimmt Technik dennoch phasenweise bewusst aus dem Unterricht. Seinen Schüler*innen erkläre er den Unterschied so: Bei ihnen gehe es „nicht um das Produkt am Ende, sondern um den Prozess“. Großes Potenzial sah er in intelligenten Tutorensystemen, die individuell erkennen, wo jemand Unterstützung braucht. Als Grundlagen nannte er Wissen, Lesekompetenz und die Fähigkeit, Ergebnisse zu kuratieren, außerdem die Erfahrung, von Kunst und Kultur überwältigt zu werden. Das größte Hindernis für Lehrkräfte sei fehlende Zeit bei zu vollen Bildungsplänen. Nötig seien verpflichtende Fortbildungen und die Sicherheit, ausprobieren zu dürfen.

Friederike Walch, freie Wissenschaftsjournalistin und Host des Podcasts „KI verstehen“, warb dafür, genauer zu unterscheiden, von welchen Werkzeugen die Rede ist. Ein für die Schule entwickeltes Tool, das Lernende auf dem Lösungsweg begleitet, sei etwas anderes als die großen, frei zugänglichen Sprachmodelle. Zugleich warnte sie vor der pauschalen Aussage, KI mache dumm. Das Gehirn sei sehr anpassungsfähig, Langzeitdaten gebe es bisher kaum. Zu klären sei, welche Fähigkeiten wir nicht verlieren wollen und darüber wünsche sie sich eine breiter angelegte Debatte. Sorge bereite ihr, wie KI langfristig das Vertrauen der Menschen untereinander verändert.

Dr. Isabell Runge betonte, dass Faktenwissen nicht überflüssig wird: Nur wer etwas weiß, kann einschätzen, was die KI ausgibt. Relevante und schwer zu ersetzende menschliche Fähigkeiten blieben dabei außerdem Kommunikation, Zusammenarbeit, Kreativität und kritisches Denken. Aus einem Workshop berichtete sie, wie überrascht Schüler*innen waren, dass Antworten auf Wahrscheinlichkeiten beruhen. Zum Verständnis gehöre auch das Wissen um Verzerrungen in den Trainingsdaten. Schulen könnten ein geschützter Raum sein, in dem KI angeleitet ausprobiert und eingeordnet wird.

Dr. Gabriel Yoran erklärte, warum er das Schreiben nicht an die KI abgibt: „Ich werde durch dieses Schreiben ein anderer Mensch.“ Gegen die Forderung nach immer neuen, alltagspraktischen Schulfächern setzte er ein Plädoyer für das scheinbar Nutzlose: „Das Beste an der Schule sind diese Sachen, wo man nicht weiß, wozu das gut ist.“ Aufgabe der Schule sei Herzensbildung. Aus eigener Erfahrung beschrieb er zudem, wie die Arbeit mit mehreren KI-Assistenten in eine Effizienzspirale führen kann.

Aus dem Publikum kamen Fragen nach verzichtbaren Lernzielen, nach einer Altersgrenze für die KI-Nutzung und nach der Verantwortung von Schule, Eltern und außerschulischer Medienbildung. Eine weitere Frage galt den Rahmenbedingungen: Wer entwickelt die Technologie, und wie gehören Technologie- und Demokratiebildung zusammen? Das Podium sprach daraufhin über die Abhängigkeit von US-Konzernen und die Verantwortung der Plattformen für ihre Algorithmen, die Nuxoll als „algorithmische Zentrifuge“ beschrieb.

Markt der Möglichkeiten und Workshops

In den Pausen und am Nachmittag konnten die Teilnehmenden KI selbst ausprobieren. Auf dem Gelände des MIZ stand der AI.CUBE on tour, ein Escape Game zum Thema Künstliche Intelligenz. Leonie Mux von der Stadtbibliothek Königs Wusterhausen stellte die jumblr KI-Digibox mit drei Spielen für Kinder ab zehn Jahren vor. Im Studio wurden die Medienpädagogin Claudia Brüggemann und die Künstlerin Maxie Jost zur Live-Poesiemaschine, bei der offen blieb, ob ein Gedicht von einem Menschen oder einer KI stammt. Mit der GenIMAGine – mobile BilderBar zeigte medialepfade.org einen niedrigschwelligen Zugang zu generativen Bild-KIs.

In zwei Workshop-Phasen wurden die Themen des Vormittags vertieft. Lea Hildermeier (CHE – Centrum für Hochschulentwicklung, Hochschulforum Digitalisierung) und Milena Stegner (KI-Campus, DHBW Heilbronn) leiteten den Workshop „KI als Kummerkasten!? Chatbots und Digital Wellbeing“. Florian Nuxoll bot „Skill Skipping – Wenn KI den Lernprozess überspringt“ an. Der Workshop „KI goes Jugendarbeit“ von Stefan Kühne musste krankheitsbedingt entfallen. Den Workshop übernahmen spontan Kolleg*innen der medialen pfade.

Verleihung der Förder- und Anerkennungspreise

Ein weiterer Höhepunkt der Tagung war die Verleihung der Förder- und Anerkennungspreise für das Jahr 2026 durch die mabb und das MBJS. Mit diesen Preisen werden Projekte und Initiativen ausgezeichnet, die sich in besonderer Weise für Medienkompetenz in Brandenburg einsetzen und innovative Ansätze in der medienpädagogischen Arbeit entwickeln.

Die Netzwerktagung ist eine Veranstaltung der Landesinitiative: Medienkompetenz stärkt Brandenburg. Das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg (MBJS) und die Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) sind Kooperationspartner der Initiative.

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Dr. Florian Kerkau

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2. Oktober 2026